Vorhang Auf | 21.11.2016

Vorhang aufSchwarzwälder Bote
Bericht von Barbara Rennig

Zweimal volles Haus, ein begeistert mitgehendes Publikum, das mit Szenenbeifall nicht spart, und schließlich johlender Schlussapplaus – kann sich ein Jungregisseur für seine erste Produktion mehr wünschen?

Nagold. Silvester Keller, seit Jahren immer wieder als Schauspieler des Ensembles "Vorhang auf!" zu sehen, gab zum Wochenende sein Regie-Debüt mit der Oscar-Wilde-Komödie "Ernst sein ist wichtig" – in einer perfekt besetzten, schmissigen Inszenierung (Bühnenbild Andreas Lemke und Team). Und Rafael Hummel hatte mit eigens für diese Produktion komponierten Songs noch eins draufgesetzt. 

"Normal kann jeder, das ist langweilig", legte der irische Meister des Bonmots dem windigen Gentleman Algernon in den Mund, der gleich zu Beginn genüsslich die für eintreffende Gäste gedachten Gurken-Häppchen verspeist, während er mit seinem Freund Jack Worthing zungenfertig über kleine Fluchten aus dem Alltag sinniert. Manuele Pillonis fein differenziertes Mienenspiel, seine Umsetzung des Wilde’schen Wortwitzes in der Figur des Algernon sind durch das ganze Stück hindurch einfach hinreißend! Luka Klais in der Rolle des Worthing mag – nicht weniger charmant – lieber leisere Töne. Denn er hat sich gerade verliebt, ausgerechnet als sein Londoner Alter Ego "Ernst", und möchte aus dem "Bunburysieren" aussteigen. Mit "Bunbury", dem angeblich todkranken Freund Algernons, schuf nicht nur dieser sich ein Alibi für den Rückzug aus ungeliebten gesellschaftlichen Verpflichtungen, sondern beide Gentlemen nutzten bisher gerne das Spiel mit falschen Identitäten, um dem Korsett ihres Standes zu entkommen.

Rap-Einlage betont die Liste akzeptabler Kandidaten

"Wer heiratet, ohne Bunbury zu kennen, ist verloren", so Algernon großspurig, ehe auch ihn Amors Pfeil trifft durch Cecily (mädchenhaft-kokett Silja Seeger). Diese ersehnt einen Gatten namens Ernst, weil der Name so "verbindlich, verlässlich, vertrauenerweckend" sei, hat sich in Tagebuchträumen sogar schon mit ihm verlobt, entlobt und wieder versöhnt. "Ohne Ernst keine Hingabe" meint auch Gwendolen, die eben ihre Verlobung mit dem "Londoner Ernest" alias Jack besiegelte – ohne die Rechnung mit der gestrengen Lady Bracknell, zu machen. Denn: Ein ehemaliges Findelkind mit unseriösem Namen geht gar nicht! Herrlich, wie Marion Reinhardt das Notizbuch für akzeptable Kandidaten zückt und gar in einer Rap-Einlage betont, dass nur "Herkunft, Eigentum, Name" wirklich zählen. Da fährt die nicht mehr brave Tochter Gwendolen die Krallen aus. Nadia Dellagiacoma begeistert mit ihrem facettenreichen Spiel, das man bereits von ihrer Mitwirkung bei der "Teilzeitbühne" kennt: Sei es in innigen Szenen mit dem Verlobten "Ernst". Sei es in der um Charme und Contenance bemühten Teestunde mit der vermeintlichen Nebenbuhlerin Cecily, bei der man das Zähneknirschen hinter lächelnder Fassade geradezu hören kann – haben sich doch beide "Ernst"-haft verlobt! Scheinbar Chaos pur in dieser Komödie voller Verwechslungen: Plötzlich solidarisch stellt "frau" die Männer zur Rede, Lady Bracknell entdeckt "markante gesellschaftliche Möglichkeiten" an Cecily, der bramarbasierende Pastor Chasuble (Andreas Schäfer) und die Gouvernante Miss Prim finden endlich zueinander (Angela Schneider in überzeugendem Bühnendebüt), und die wahre Identität des Findelkindes Jack wird endlich erfreulich erhellt.

Da hüpft auch der Butler (Charles O’ Neill in Doppelrolle als Lane/Merriman) mit dem Refrain "Yeah" und "Whow" über die Bühne – Joe Cocker lässt grüßen…

Zwei großartige Abende mit einem hingerissenen Publikum! Den tosenden Applaus hatten alle Mitwirkenden auf und hinter der Bühne der Semihalle reichlich verdient.

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