Sissi Perlinger | 20.11.2016

Vorhang aufSchwarzwälder Bote
Bericht von Martin Bernklau 

Nagold Wirbelnde Fülle an theatralisch-musikalischer Kleinkunst.

Nagold. Sie kann alles: Comedy und Kabarett, Gags, Pointen und sprachfeine Spitzen, Tanz und Musik, kleine Charakterrollen und kostümierten Mummenschanz, Bayerisch und Berliner Schnauze. Sissi Perlinger ist die perfekte Entertainerin. Mit ihrem Programm "Ich bleib dann mal jung", schon einer Art Frauenprogramm, gastierte sie in der praktisch ausverkauften Alten Seminarturnhalle.

Den Stromausfall, der die Semihallen-Organisatoren bis zehn Minuten vor Beginn ins Schwitzen gebracht hatte, nahm sie mit der souveränen Ü 50- Gelassenheit, die ja gewissermaßen ihr Haupt- und Nebenthema war, als selbstironischer Rückblick auf "das blutjunge Ding, das ich mal war", und auf eine Zukunft, der ihr Witz nicht ausgeht. Nachbar Wilfried, den 104-Jährigen, der sich jetzt immer eine Prise Schwarzpulver aufs Butterbrot streut, lässt sie als Erklärung für das seltsame Gebaren verlauten: "... damit ich’s im Krematorium noch mal richtig krachen lassen kann". Er, gegen den "das Tote Meer jung ist".

Jedenfalls hält es die Comedy-Diva mit den charakteristischen Leoparden-Outfits und -Accessoires durchaus für denkbar und möglich, was alle wollen, die sich so langsam Gedanken zu machen beginnen über die Jahre: alt werden und jung bleiben, zumindest "anders altern".

Das bekräftigt Sissi Perlinger dann auch mit kunstvoll dissonanten Songs zur Gitarre, bei denen sie auch noch ihre eigene Rhythmusgruppe gibt. Schlage die Trommel und fürchte dich nicht, oder nach der Mae-West-Erkenntnis "Altern ist nichts für Feiglinge".

Sie kann rüde Gags oder Schmähungen knallen lassen ("geliftete Designer-Muschis"). Sie kann aber genauso gut feinsinnige Sprachspiele vorführen wie die zahllosen Arten standesgemäßen Ablebens ("Der Gärtner beißt ins Gras", "Der Spanner ist weg vom Fenster", "Der Pfarrer muss dran glauben").

Und Perlinger versteht es auch, leise, wirklich punktgenaue Pointen zu setzen: "Der liebe Gott lässt uns Frauen zwar länger leben, aber er sagt nicht, wovon". In eine ähnlich kabarettistisch-kritische Richtung geht auch eine ihrer Altfrauen-Rollen, wo sie sich statt für schlechte Pflege im Heim lieber für die Rundumversorgung im Knast entscheidet, "am liebsten lebenslänglich".

Beim Casting für die Alten-WG zeigt sich der genaue Perlinger-Blick auf die Typen und Widersprüche ihrer eigenen Nach-68er-Generation. Da wird sich munter ins geistige Dahindämmern gekifft, aber auch spießig gemeckert über die Kinderwagen im Treppenhaus. Ganz groß ist die bayerische Komödiantin beim schnellen Verkleiden hinter einer kleinen Spanischen Wand in aberwitzige Kostüme über ihrem unvermeidlichen sportlich-frechen Leo-Body, von der behüteten Greisin mit Rollator und kompletter Körperpflege-Batterie über eine arabische Verschleierte bis zum fantastischen Schmetterlings-Gewand gegen Ende.

Sissi Perlinger ist eine komplette Entertainerin in ihren vielfältigen Ausdrucks- und Kunstformen. In Frankreich, in Amerika hat sie das gelernt, nicht im deutschen Quatsch-Comedy-Club.

Keine Vertreterin des deutschen Quatsch-Comedy-Clubs

Manchmal beschleicht einen da die Sorge, dass sie sich ein wenig zwischen all die vielen verschiedenen Publikums-Stühle setzen könnte. Wo sie doch schon freimütig sagt, dass es die Kabarett-Liebhaber nur noch jenseits der 50 gibt, und sie mit ihrem Frauen-Programm sowieso überwiegend die bessere Hälfte der Menschheit anspricht.

In Nagold zumindest war die Sorge unbegründet. Es waren auch reichlich Männer da, die – wie die Frauen auch – gröbere Gags mit genau dem gleichen Beifall bedachten wie geistreich-subtile Pointen, nachdenkliche Satire oder diese wirbelnde Fülle an theatralisch-musikalischer Kleinkunst, mit der diese Frau die Bühne belebt. Klasse Abend.

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